Fantasy Stuff – DARK – German

Kapitel 1

„Halt!“ brüllt der Fremde kurz bevor Rosie auch schon in ihn hineinkracht.

„Auuu“, klagt sie lautstark, als sie ausgestreckt und mit samt dem Fremden auf dem Boden aufprallt. Ihre schwarze Laptoptasche rutscht über die grauen Steine, Rosie selbst mit Händen und Ellenbogen hinterher, spürt unmittelbar darauf das fürchterlich gewohnte Brennen. Na toll. Ihr zweiter Tag hier und schon das erste Unglück.
Dabei hat sie sich fest vorgenommen möglichst unfallfrei in ihrer neuen Wahlheimat zurechtzukommen. Die Rechnung hat sie wohl ohne den Wirt gemacht. „Offensichtlich“, murmelt sie leise vor sich hin, und versucht den Schmerz zu unterdrücken. Blinzelnd schaut sie zu ihrer schwarzen Tasche, die in diesem Moment wie von Zauberhand in die Luft gehoben wird, während ringsherum alles in grelles Licht getaucht ist. An diesen Zustand muss sie sich erst gewöhnen, bevor sie versucht wieder aufzurichten.
Rosie weiß, in welchem Stadium sie sich gerade befindet. Ihr Arzt nennt es Orientierungsneuausrichtung mit tendenzieller Kreislaufversorgungslücke.
Sie hat zwar keine Ahnung von Medizin, weiß aber, dass ihr Arzt sie mit Begriffen beworfen hat, die nichts mit Medizin im Allgemeinen zu tun haben. Der Mann war lieb, alt und hat sie stets aufmuntern wollen. Ob er wusste, dass sie das weiß, ist ihr allerdings unklar.
Rosie schmunzelt bei dem Gedanken an ihren Großvater. Er hat sie immer zum Lachen gebracht.
Ihre schwarze Tasche schwebt in ihre Arme und im nächsten Augenblick erkennt Rosie schon etwas mehr. „Oh … gut“, seufzt sie erleichtert. Die Tasche schwebt nicht, sondern wird getragen, von einem Mann der um einiges derangierter aussieht als sie selbst.

„Bitte.“ Er schaut Rosie empört an und sofort schießt ihr die Röte ins Gesicht.

Ist das peinlich! Mitten auf der Mall hat sie jemanden umgerannt. Dieses Mal einen Mann, ein offensichtlich gut aussehender Mann. Ist das peinlich! „Es tut mir Leid“, murmelt Rosie unangenehm berührt. Langsam dringt das Geschehen um sie herum wieder an ihr Ohr und sie stellt fest, dass viele Köpfe über ihrem Gesicht kreisen.

„…es Ihnen gut?“, hört sie eine besorgte Stimme.

Rosie nickt hastig, bemerkt wie der Fremde mit verschränkten Armen über ihr steht und sie eingehend, nein misstrauisch, mustert, während die anderen sie besorgt ansehen. Auf keinen Fall will sie jetzt irgendwelche Hilfe, sondern einfach nur heimlich davonschleichen und sich schämen. Rosie winkt ab und hievt sich und ihre schwarze Tasche mit einiger Mühe vom Boden hoch. Der Laptop ist bestimmt hinüber, geht ihr durch den Kopf. Schnell presst sie die Tasche an sich – bloß nicht noch einmal fallen lassen!
Als sie endlich steht, schwankt sie ein wenig. Aber wenigstens hat sich die Gesichtermeute um sie herum wieder aufgelöst nachdem sie aufgestanden war.

Nur der Fremde steht noch immer neben ihr. Mit einer schnellen Bewegung hält er Rosie fest. Wieso muss sie immer so tollpatschig sein? „Ich danke Ihnen.“ Rosie traut sich nicht ihm ins Gesicht zu sehen. Ihr reicht schon das was sie von ihm sieht. Sein wahrscheinlich sonst so wohlgeordneter Anzug ist schmutzig, blutig und total … unordentlich. Das weiße Hemd hängt aus der Hose, die Krawatte ist locker, das Jackett hat einen Riss und die Hose auch. Seine roten Haare sehen ebenso unordentlich aus, aber das kann auch vor dem Sturz so gewesen sein.

Oh weh! Sie lässt ihren Blick schweifen. Es dauert nicht lange bis Rosie ihre eigenen Wunden sieht. Die brennen auf einmal wieder höllisch, jetzt wo sie sie erschrocken anstarrt. Offensichtlich hatte sie die Schmerzen bis gerade sehr gut ausblenden können.
Hm, merkwürdig. Daher also das Blut auf seinem Anzug. Rosie schaut erstaunt von ihren Wunden auf die Kleidung des Fremden und schüttelt den Kopf. Wie war das nur wieder geschehen? „Geht es Ihnen gut? Sie bluten überall.“

Der Fremde sieht sie voller Argwohn an. Seine Blicke bohren sich förmlich in ihr Gehirn, als suchen sie nach irgendwelchen Anhaltspunkten in ihrem verqueren Denken.

Rosie versteht ihn ja, immerhin hat sie ihn gerade voll mitgerissen, obwohl sie nicht einmal sagen kann, wie das geschehen war. Sie erinnert sich einfach an keinen Sturz. „Es wird immer schlimmer.“

Der Fremde zieht eine Augenbraue hoch? „Was wird immer schlimmer?“

Konsterniert starrt sie ihm ins Gesicht. Warum stellt er ihr diese Frage? „Tut mir leid, wie bitte?“, fragt Rosie.

„Sie sagten gerad: Es wird immer schlimmer. Was wird immer schlimmer?“

Rosie bemerkt nicht, dass ihr Mund offen steht. Sie schluckt. „Hab ich das echt laut gesagt?“, fragt sie ihn verwirrt.

Er betrachtet sie mit zusammengekniffenen Augen und nickt nach einer Weile langsam. Dann verschränkt er seine Arme vor der Brust.

Will der etwa eine Erklärung? Dieser fremde Mann kann sonst wer sein, erwartet er allen Ernstes eine Erklärung? Was soll sie ihm denn nur sagen? Unsicher kaut Rosie auf ihrer Unterlippe herum. „Ich, äh, es tut mir leid? Schätze ich bin ausgerutscht“, entschuldigt sie sich mehr oder weniger. Dann setzt sie sich in Bewegung und lässt den Mann ohne ein weiteres Wort stehen.

Kapitel 2

„Warten Sie!“ Der Fremde eilt Rosie hinterher und hält sie am Arm fest.

Ruckartig dreht sie sich zu ihm um. „Lassen Sie mich los“, faucht sie gereizt. Ein plötzlicher Wind kommt auf, und zwingt den Fremden Rosie loszulassen.

„Sie sind mir eine Erklärung schuldig.“

„Ach wirklich? Steck dir deine Erklärung sonst wohin.“

„Wie bitte? Was soll das? Ich bin nicht derjenige, der hier jemanden umgerannt hat“, sagt er aufgebracht. Was er dann sieht, lässt ihn zurückschrecken. „Was ist mit Ihnen? Sie bluten ja gar nicht mehr.“

Rosie schüttelt verwirrt den Kopf. Nicht? Das ist ja seltsam. „Aber was … ich … hä?“, stottert sie leise, während sie sich ihre Handgelenke betrachtet. Was ist nur los mit ihr? So schlimm ist es noch nie gewesen. Was soll sie jetzt machen? Suchend blickt sie sich um. Erst jetzt fällt ihr auf, dass sie sich an einem ihr fremden Ort befindet. „Wo bin ich hier überhaupt?“ Rosie seufzt, fühlt sich verloren und fremd. Gibt es hier denn nirgendwo eine Bank?

Der Fremde betrachtet die offensichtlich verwirrte Frau. Sein Ärger verfliegt. „Wollen Sie sich setzen? Dort drüben gibt es ein Café“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf die andere Straßenseite, „Es gibt zwar nur diesen einen Tisch, aber dafür kann man alles um sich herum wunderbar im Auge behalten.“

Im Auge behalten klingt gut. Ausgezeichnet sogar. Rosie nickt.

„Darf ich Sie hinüberbegleiten oder schaffen Sie das allein?“

Desorientiert sieht sie den fremden rothaarigen Mann an und während er ihren hilflosen Blick sieht, hakt er sacht ihren Arm unter seinen, schultert ihre schwarze Tasche und führt sie langsam über die Straße. Dieses Mal geht es gut. Vorsichtig setzt er sie auf den filigranen Stuhl vor dem Café, stellt ihr die schwarze Tasche vor die Füße und verschwindet.

Mit gefalteten Händen im Schoß sitzt sie auf dem Stuhl und betrachtet aufmerksam die Straße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein Gebäude, das auf sie wie ein Parkhaus wirkt. Einige Meter weiter rechts befindet sich eine Kreuzung an der ein rotes niedriges Backsteinhaus steht. Dahinter ragt ein Hochhaus wie ein klobiger Glas-Betonklotz hervor und zerstört das anmutende Bild des Backsteinhauses. Links von ihr ragen hinter einer weiteren Kreuzung noch weitere Hochhäuser aus Glas in den Himmel empor.

Wo ist sie?

Der Fremde kommt zurück zum Tisch, stellt zwei dampfende Becher auf den Tisch und setzt sich auf den zweiten Stuhl. Neugierig mustert er Rosie, was sie merkt, ihr aber egal ist. „Sie sind hier in der First Avenue in Seattle, Washington, USA, um Ihre Frage von gerade zu beantworten“, sagt er ruhig und trinkt seinen Kaffee.

Rosie kann den leckeren Duft riechen und greift nach ihrem Becher. Seattle? Verstohlen blickt sie sich erneut um. Wie kommt sie nach Seattle, hier ist sie noch nie zuvor gewesen?

„Ich wusste nicht, wie Sie Ihren Kaffee mögen oder ob sie überhaupt etwas Derartiges trinken und habe aus diesem Grund von allem etwas hineingetan.“

„Danke“, flüstert Rosie. Ihr Magen zieht sich zusammen als sie ihn trinkt. Sie hat einen riesigen Hunger.

Der Fremde seufzt. „Da haben Sie mir vorhin aber einen schönen Schreck eingejagt, dass versichere ich Ihnen.“

Mit zusammengekniffenen Lippen betrachtet sie den Mann, den sie zuerst umgerannt und angefaucht hat, sie aber trotzdem freundlich behandelt. Mit einem Mal regt sich ein unbekanntes Gefühl in ihr. „Was wollen Sie?“, fragt sie ihn dann.

„Ich will wissen was hier vor sich geht. Zuerst kommen Sie aus dem Nichts angerannt und reißen mich einfach so mit sich. Glauben Sie mir, das gelingt nicht vielen Menschen, um genau zu sein niemandem. Und dann hören ihre Wunden einfach so auf zu bluten, der Wind und ihre Augen…“

„Was ist mit denen?“

„Ich weiß nicht wie ich es erklären soll, aber es ist als hätten sie die Farbe gewechselt.“

Erschrocken reißt Rosie die Augen auf, richtet ihre Aufmerksamkeit aber sogleich auf eines der vorbeifahrenden Autos. Was redet dieser Mann da?

„Wo kommen Sie her, wenn Sie nicht wissen wo Sie sich hier befinden?“

Aufmerksam sieht Rosie ihn an. Seine Frage hallte in ihrem Kopf nach, während sie sein Gesicht betrachtet.

Blaue Augen, rote kurze Haare, weiße Haut – überzogen mit Sommersprossen, breiter markanter Kieferknochen, aber recht schmales Gesicht und einen muskulösen Hals, was darauf schließen lässt, dass er durchtrainiert ist. Sofort hat sie das Gefühl, ihm schon einmal begegnet zu sein. Unruhig kaut sie auf ihrer Unterlippe herum. Kann sie ihm trauen? Sie beschließt, ihm zu antworten.

„Aus Berlin“, sagt sie leise.

„Berlin, soso.“ Der Fremde lehnt sich in seinem Stuhl zurück und fährt sich mit der Hand durch seine Haare.

Da ist wieder dieser Blick. Rosie spürt, wie dieser seltsame Mann sie mit dem Blick abtastet. Er wirkt, als wägt er ab, was er als nächstes Fragen will. „Ich glaube, mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt zu haben. Ich bin Greg.“ Unerwartet beugt er sich über den Tisch und streckt Rosie seine Hand hin, „eigentlich Gregory Steward McMillan, der Dritte.“

Erstaunt zieht sie eine Augenbraue hoch. Der Dritte? Aha. „Rosemarie Sandberg. In der Regel nennen mich aber alle Rosie.“ Sie will seine Hand nehmen, zögert aber im letzten Augenblick. Wenn ich ihm die Hand jetzt nicht gebe, dann ist das unhöflich, ermahnt sie sich. Aber ihre innere Stimme drängt förmlich danach, es seinzulassen. Rosie ignoriert sie, reicht ihm die Hand und bereut es schon im nächsten Augenblick.

Kapitel 3

Eine Art Druckwelle jagt durch ihren Körper, als hätte Gregory einen Knopf aktiviert, der niemals hätte gefunden werden dürfen. Von der Körpermitte verteilt sich dieses spannungsgeladene Kribbeln in jeden hintersten Winkel ihres Körpers und die Stimme, die sie gerade noch davor gewarnt hatte, sagt in diesem Moment: „Hab ich‘s dir nicht gesagt? Du solltest es lassen! Jetzt siehst du gleich, was du angerichtet hast.“

Rosie spürt deutlich, wie die Druckwelle ihren Körper in Besitz nimmt und ihr Bewusstsein entgleitet ihr erneut.

Gregory steht da wie vom Blitz getroffen. Seine Hand hält Rosies Hand fest und sein Gefühl sagt ihm, sie auch nicht loszulassen. Dort wo sie gerade noch gesessen hatte, ist der Stuhl leer, denn sie schwebt einen halben Meter über der Erde. Ein berauschendes Kribbeln fährt ihm durch den Körper. Das pure Adrenalin lässt sein Herz höher schlagen als er sie schwebend betrachtet.

Ihre Haare und ihr Kleid flattern in einem starken Wind, den er vorhin schon einmal ganz schwach gespürt hatte, und das Kinn liegt auf ihrem Brustkorb. Eine in allen Farben leuchtende Aura überzieht ihren Körper und lässt Rosies Gesicht wie eine merkwürdige Fratze erscheinen.

Plötzlich hebt sie ihren Kopf.

Aufgeregt und ängstlich zugleich wartet Gregory auf das was nun folgt.

„Was wollt Ihr?“

Nervös räuspert er sich.

„Ich suche Euch bereits seit vielen Jahrhunderten, Ehrwürdige. Die Bruderschaft…“

„Pah, die Bruderschaft“, unterbricht sie ihn barsch, „Dieses Mädchen sollte mich vor der Bruderschaft schützen! So wie ihre Familie es mir damals versprochen hatte.“

Gregory versteht nicht. Verwundert runzelt er die Stirn. „Aber Ehrwürdige, Ihr habt geschworen die Menschheit zu richten, sobald die Sterne günstig stehen. Nun denn, die Zeit ist gekommen …“

Rosies Augen beginnen zu Glühen und Gregory spürt, dass die Kraft der Ehrwürdigen schwindet. Ihre Aura verblasst für einen Moment. „Helft uns.“

Gregory erstarrt.

Rosie spricht zusammen mit der Ehrwürdigen! „Helft uns, Gregory. Ihr seid der Einzige, der uns vor der Bruderschaft retten kann. Ohne Eure Hilfe sind wir des Todes.“ Die Druckwelle die Rosie gerade noch durchflutet hat, jagt nun durch ihn hindurch.

Er spürt ihre Präsenz, wie sie ihn Millimeter für Millimeter abtastet, ihm die Kraft stiehlt, aber gleichzeitig starke Impulse durch seinen Körper rasen. Spürt, wie ihn diese Welle zu übermannen scheint, ihn überflutet und am anderen Ende wieder hinaustreten will. Dann plötzlich vernimmt er einen Knall. Gregory sieht sich um. Alles um ihn herum ist in Rosies Aurafarbe getaucht.

Keine Menschseele bewegt sich. Selbst bewegungsunfähig hält er ihre Hand, spürt sein und ihr Kribbeln im Körper, sieht wie sie auf ihn zuschwebt als ihre weichen warmen Lippen sanft die Seinen berühren.

„Rette uns vor der Bruderschaft“, hört er ihre Stimme in seinem Kopf. Ein Kribbeln breitet sich rasend schnell in ihm aus und plötzlich gibt es wieder einen lauten Knall. Die Druckwelle reißt ihn von ihr los und wirft ihn augenblicklich in den Stuhl zurück. Dann ist alles vorbei und Rosie ist verschwunden, die Zeit läuft normal, die Farben sind verblasst.

Heftig atmend, sitzt Gregory für einen Moment da und versucht das gerade Geschehene zu verarbeiten, seine Gefühle zu kontrollieren. Seine Hände liegen zitternd auf dem Tisch und er sieht, wie seine blaue Aura schwach nachleuchtet. Fassungslos lehnt er sich in dem Stuhl zurück und als er sich einigermaßen erholt hat, kramt er sein Handy hervor und wählt. „Ich habe sie gefunden, oder besser gesagt, sie hat mich gefunden. … Ja. Diese Begegnung war einfach unglaublich! … Mitnichten. Sie ist wunderschön …“, versonnen blickt Gregory durch das sattgrüne Blätterdach in den strahlend blauen Sommerhimmel. Der Kuss, ihre Stimme und das Kribbeln vibrieren in seinem Körper nach. Er spürt nicht einmal die Hitze um sich herum. „Rotblonde lange Haare, grüne Augen, hohe Wangenknochen, schmales Gesicht und einen beachtlichen Körperbau. … Ich sage ja, wunderschön – perfekt! Allerdings weiß sie nichts von der Ehrwürdigen. Wie bitte ? … Das Mädchen nennt sich Rosemarie Sandberg. … Ja, würde ich auch sagen, versuch etwas über sie und ihre Familie herauszufinden, ich will wissen woran ich bin! Sie sagte, es würde immer schlimmer werden. … Ich weiß auch nicht. Starke Schizophrenie vielleicht? Rosemarie ist definitiv eine gespaltene Persönlichkeit mit extremen Wissenslücken. … Hm, meinst du? Nun, sie war wirklich sehr schüchtern und unauffällig. Ich würde sogar sagen, sie war sich ihrer atemberaubenden Schönheit nicht einmal bewusst. … Peter! Sie hat gezögert, mich aber dennoch freiwillig berührt. Als hätte sie geahnt, was geschehen würde. Wahnsinn, ich spüre sie immer noch, schmecke Lavendel auf der Zunge. So hab ich es mir niemals träumen lassen, Peter, obwohl sie mit unserer Berührung eine wirklich beeindruckende Show hingelegt hat. Einen Hang zur Dramatik hat sie offensichtlich noch immer. Aber wir müssen herausfinden ob sie es wirklich ist. … Haha, du sagst es! Ja, mach das, bis später.“

Gregory steckt unsicher sein Handy zurück in die Tasche und fixiert sofort Rosies noch dampfenden Becher Kaffee. Peter erwartet bestimmt, dass er ihn zur Analyse mitnimmt. Seufzend schüttet er den Kaffee auf den einzigen Flecken Sand neben sich und setzt sich wieder. Diesen Zwischenfall muss er eindeutig noch verarbeiten, aber wenigstens ist seine bisher erfolglose Suche endlich vorbei.

Ob Rosie weiß, wer sie ist? Immerhin versteckt die Ehrwürdige sich bei den Menschen schon einige Zeit. Was ist geschehen, dass sie Angst vor der Bruderschaft hat? Gregory weiß es nicht, aber er hat vor es herauszufinden, ohne der Bruderschaft von dem gesamten Ausmaß des Zwischenfalls zu berichten. Er begutachtet sein derangiertes Aussehen im Schaufenster des Cafés, rückt, so gut es eben geht, Krawatte und Hemd zurück in die richtigen Positionen. Gegen die Risse in Jackett und Hose kann er allerdings nicht viel machen. Verärgert schnalzt er mit der Zunge und betrachtet den Schaden eingängig. „Da werde ich mich wohl doch noch einmal umziehen müssen.“ Dann trinkt er den letzten Schluck seines Kaffees, steht auf und geht hinüber zu dem roten Backsteingebäude.

Auf einem kleinen Messingschild liest er seinen Namen: „McMillan Architects“ Er öffnet die Tür und betritt das Gebäude. In diesem Moment fragt er sich, wie lange er diese Identität wohl noch haben wird. Wenn die Bruderschaft herausfindet was er weiß, dann wird es Gregory Steward McMillan nicht mehr lange geben. Dann ist er Vogelfrei.

Gregory muss Rosemarie suchen und herausfinden, was los ist. „Hoffentlich spielt Peter mit und hält dicht.“ Doch zuerst muss er sich den Fragen der Bruderschaft stellen.

Kapitel 4

Gregory steht vor den Aufzügen und wartet nervös. Um zur Versammlung der Bruderschaft zu gelangen, muss er mit dem zweiten Aufzug weiter hinauffahren. Diese Art Aufzug kann er nur aktivieren indem er einen beliebigen Finger in eine dafür vorgesehene Öffnung steckt. Mittels Einstich wird ihm ein Tropfen Blut abgenommen, erst dann öffnet sich die Tür und befördert ihn zur Bruderschaft. Als sich die eisernen Türen langsam öffnen, steckt Gregory gerade seinen Finger in den Mund und leckt das Blut ab.

Ungeduldig betritt er die Kabine, beobachtet die sich schließenden Türen und wartet darauf, dass er sich in Bewegung setzt. Mit den Fingern gegen das Bein trommelnd, fährt er langsam in die oberen Etagen. Gregory hofft darauf, dass die Bruderschaft die Fragen zu Rosie und seiner Begegnung mit ihr, allgemein hält, und er nicht dazu gezwungen wird zu lügen. Schon während er sich vorhin neue Kleidung herausgesucht hatte, war ihm das kommende Gespräch wieder und wieder durch den Kopf gegangen. Welche Fragen würden sie ihm stellen? Welche Antworten würde er geben? All das hängt von den nächsten Minuten ab.

Der Aufzug stoppt und bevor er ihn verlässt, atmet er noch einmal tief durch. Dann betritt er den Vorraum zum weißen Saal. Gregory sieht sich um. Die hohen Wände, und die mit aus den Jahrhunderten entstandenen Bildern an der Decke, wirken eng und niederdrückend. Hauptsächlich liegt es an den Motiven, die sich ständig ändern. Sie zeigen die Zeit nach der Verbrennung der Ehrwürdigen, als die Bruderschaft sich nur gebildet hatte, um Hexen und andere magische Wesen vor den Übergriffen der Menschen zu schützen. Aber auch in dieser Zeit hatten sie ohne großen Einfluss nicht jede Hexe retten können. Noch einige Jahrhunderte lang waren sie von den Menschen verfolgt und verbrannt worden.

Im Moment starrt Gregory auf ein Bild voller verzerrter Fratzen, die auf den Scheiterhaufen ausgelöscht wurden. Kein schöner Anblick. Angewidert schüttelt er sich und schaut zur massiven, aus Vollholz geschnitzten Tür. Sie ist doppelt so groß wie er und reicht von der Decke bis zum Boden. Dort ist nur ein Motiv zu erkennen. Das Emblem der Bruderschaft, mit allen magischen Wesen, die es zu schützen gilt, innerhalb eines Pentagramms. Er ist noch jung, im Gegensatz zu einigen Hexen der Bruderschaft, und hatte die Zeit der Hexenverbrennungen nicht miterlebt. Sein Eintritt in den inneren Ring der Bruderschaft war erst nach dem ersten Weltkrieg gewesen. In der Hochzeit, in der viele Menschen nach vielen heiligen Gegenständen gesucht hatten.

Gregory räuspert sich unruhig und faltet die Hände hinter seinem Rücken zusammen. Damals hatte er, zusammen mit einem anderen Wächter den Auftrag bekommen, jene Menschen auf die falsche Fährte zu führen, um die magische Welt vor dem Missbrauch der Menschen zu schützen. Seitdem war er nur zwei Mal vor den Rat der Bruderschaft gerufen worden. Heute ist es das dritte Mal.

Die Tür schwingt, für ihre Größe erstaunlich leise, auf und ein noch helleres Licht flutet ihm entgegen. Er blinzelt, um überhaupt etwas erkennen zu können und erst als sich seine Augen an das Licht gewöhnen, betritt er den Saal. „Nun, Mr. McMillan, was habt Ihr zu berichten? Uns ist einiges zu Ohren gekommen, das unser Interesse geweckt hat“, dröhnt ihm eine tiefe Stimme entgegen. Doch bevor Gregory eine Antwort gibt, stellt er sich in der Mitte des Pentagramms auf. In diesem einen kleinen Teil, ist er geschützt vor der Macht der Bruderschaft. Neugierig blickt er um sich. An den Spitzen des Pentagramms sitzen die zur Zeit mächtigsten Hexen. Feuer, Erde, Wasser, Luft und Metall. Dazwischen je zwei Hexen gemischter Elemente. Feuer-Erde, Erde-Wasser, Wasser-Luft, Luft-Metall, Metall-Feuer und die Hexen, die drei Elemente beherrschen können. Gregory selbst beherrscht alle Elemente, weshalb die Bruderschaft ihn nach dieser Erkenntnis in den inneren Kreis geholt hat. Seit dieser Zeit haben sie ihn immer im Auge. Inzwischen darf er alle magischen Wesen beschützen und kann sie ebenso gut vernichten.

Er fragt sich, wer der Bruderschaft Bericht erstattet hat und hofft, dass es nicht Peter gewesen war nachdem er alle Einzelheiten zu Rosemarie Sandberg herausgefunden hatte. „Verehrte Bruderschaft. Mir ist heute in der Tat Merkwürdiges widerfahren.“ Bevor er jedoch mit seinem Bericht beginnt, holt er tief Luft. Auf geht‘s, denkt er.

Kapitel 5

Gregory steht in der gleißenden Sonne am Flughafen Tegel. Sein Auftrag hat ihn hierher geführt, denn er soll Rosie finden und der Bruderschaft ausliefern. Genau das, was sie nicht will. Die Augen abschirmend, sieht er unzählige Taxen und Busse an sich vorbeifahren, während immer wieder neue Menschen kommen und gehen. Er wartet auf seinen Chauffeur. Da er sich ungern in schmutzige Autos mit unzähligen Vorbesitzern setzt, hatte er sich bereits vor dem Abflug einen Wagen bestellen lassen. Doch lässt man ihn warten.

So schnell ist er nicht aus der Ruhe zu bringen, weshalb er sich die Zeit mit Nachdenken vertreibt. Immerhin muss er sich jetzt überlegen, wie er Rosie am schnellsten findet.

In einer Metropole. Mit Millionen Bewohnern. Und unzähligen magischen Orten! Das wird lustig. Seufzend lehnt er sich gegen einen Pfeiler. Wo soll er mit seiner Suche nur beginnen? Schließlich hatte sie ihn vor einigen Tagen aufgespürt und über den Haufen gerannt. Aber wenigstens waren Peter und er ihren Ahnen auf die Spur gekommen. So hatten sie herausgefunden, dass Rosemarie Sandberg aus Norwegen stammt und zwar aus einer alteingesessenen Familie, deren Stammbaum sie bis zum fünfzehnten Jahrhundert zurückverfolgen konnten.

Eine schwarze Limousine fährt vor und parkt direkt vor Gregory. Der Fahrer, anstatt auszusteigen, öffnet das Beifahrerfenster und brüllt: „Mr. McMillan?“

„Ja!“ Konsterniert starrt er den Fahrer an, bis dieser wie ein angestochener Bulle aus dem Auto springt, um den Wagen rennt, seine Koffer schnappt und sie in den Kofferraum wirft.

„Entschuldigen Sie bitte“, beginnt der Fahrer in schlechtem Englisch, „aber man hat mir nicht gesagt, dass Sie den Rundumsorglosservice gewünscht haben.“

Den was? Gregory ignoriert den Typen, der jetzt definitiv unten durch war, setzt sich hinten hinein, und lässt die Autotür laut zukrachen. Als der Fahrer ebenfalls an seinem Platz sitzt, sagt Gregory, wohin er gebracht werden will. „Zum Adlon!“

In seinem Hotelzimmer angekommen, verschmilzt gerade die Sonne mit dem Horizont. Gregory steht an dem Fenster und beobachtet den Sonnenuntergang. Die Hände hinter dem Rücken gekreuzt, starrt er dem brennenden Himmel entgegen und überlegt, welchen Schritt er als nächstes unternehmen soll, um Rosie zu finden. Im Prinzip hat er sich mit Peter bereits beraten und einen Plan entwickelt. Gregory nickt entschlossen, dreht sich vom Fenster weg und holt sorgfältig seine Utensilien heraus.

Als erstes legt er ein Reagenzglas und eine Pipette auf den Tisch vor sich. Dann entfaltet er den Berliner Stadtplan, fischt aus seiner Innentasche ein kegelförmiges kleines Pendel heraus und hält es sich vor sein Gesicht. Vorsichtig haucht er dagegen und beobachtet wie eine nadelöhrgroße Öffnung erscheint. Er legt das Pendel bei Seite, nimmt das Reagenzglas und öffnet es vorsichtig. Dann führt er die Pipette hinein und nimmt einen Tropfen des Serums heraus. Peter hatte von Rosies Becher erfolgreich ihre DNA extrahieren und verflüssigen können. Es war nicht viel gewesen, doch es reicht für diesen Versuch.

Vorsichtig führt er die Pipette an das Pendel und gibt einen Tropfen des Serums in die Öffnung hinein. Die Öffnung schließt sich und sofort leuchtet das Pendel lavendelfarben auf. Es reagiert mit ihrer DNA. „Ausgezeichnet.“ Gespannt hält Gregory das Pendel nun über den Stadtplan und überlässt den Rest ihm. Es dauert nicht lange und es wird von einem Punkt wie ein Magnet angezogen. Es zeigt auf einen Friedhof in Berlin Friedrichshain. „Ein Friedhof. Soso. Was hast du vor Rosie?“ Schnell packt er das Pendel wieder zurück in seine Innentasche, es zeigt ihm ab jetzt ihre Nähe an, indem es wieder lavendelfarben aufleuchtet sobald sie in der Nähe ist, und stürmt zur Tür hinaus.

Als er den Friedhof erreicht, ist es bereits dunkel. Auf dem Schild liest er: „Friedhof der Bethlehems- oder Böhmischen Gemeinde“ Bevor er einen Fuß auf das Gelände setzt, hängt er sich das Pendel um den Hals. Dann betritt er den Friedhof und lässt sich vom Pendel in ihre Richtung führen. Irgendwann kommt er an einer Gruft vorbei, woraufhin sein Pendel zu Leuchten beginnt. Wie angewurzelt bleibt Gregory stehen und lauscht. Er konnte leise gleichmäßige Töne hören. Es klingt eher wie ein Murmeln, denn ein Gespräch, weshalb ihn eine merkwürdige Ahnung überfällt.

Langsam lässt er die Gruft hinter sich. Dann eröffnet sich ihm ein interessantes Bild. Hinter der Gruft liegt ein Grab vor dem ein Mann steht und jene murmelnden Laute von sich gibt. Über dem Grab schwebt senkrecht eine Frau in einem weißen Kleid. Sie scheint nicht bei Bewusstsein zu sein, denn ihre Augen sind geschlossen. Ihre blonden Haare liegen auf ihren Schultern und umrahmen das zartweiße, friedliche Gesicht.

Rosie!

Gerade als er hinübergehen will, tritt die Ehrwürdige aus Rosies Körper heraus und will sich von ihrem bisherigen Körper lösen. Dieser Anblick lässt Gregory erstarren. Rosie und die Ehrwürdige wirken wie eine Erscheinung, Geister, die nicht in diese Welt zu gehören scheinen. Doch als die Ehrwürdige sich zu weit von Rosies Körper entfernen will, reißt Rosie schlagartig die Augen auf und beginnt zu schreien. Gregory sieht das hauchdünne Band zwischen den Beiden und ahnt, was als nächstes geschieht, wenn er nichts dagegen unternimmt. Er weiß nicht warum, aber alles in ihm schreit danach, Rosie vor dem Tode zu bewahren.

Kapitel 6

Mit schnellen Schritten steht er neben dem Mann, schubst ihn grob zur Seite und schaut die Ehrwürdige herausfordernd an. Den Schmerzensschrei des Mannes ignoriert er.

„Was habt Ihr vor, Ehrwürdige?“

„Ich muss diesen Körper verlassen.“

„Aus welchem Grund?“

„Ich weiß, was Euch hierher führt, junger Edelmann“, ignoriert sie seine Frage.

Gregory räuspert sich unangenehm berührt. Er konnte es noch nie leiden, wenn jemand seine Herkunft und einstigen Stand kannte.

„Die Bruderschaft entsandte euch mit dem Ziel, mich zu ihnen zu bringen. Habt Ihr eine Ahnung, was dann mit uns geschehen würde? Ich habe mich nicht umsonst so lange vor ihnen versteckt. Die letzte Erweckung hatte mich beinahe mein Leben gekostet. Nur weil die Bruderschaft ihre gewonnene Macht nicht aufzugeben vermag, stattdessen noch vergrößern will. Was glaubt Ihr, machen sie mit uns, wenn Ihr uns zur Bruderschaft gebracht habt?“

Gregory runzelt die Stirn. Er weiß es nicht, da man es ihm nicht gesagt hatte. „Ich nehme an, um Euch ein weiteres Mal zu befreien?“

„Nein, da irrt Ihr. Meine letzte Befreiung war 1914. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch bereit gewesen, die Welt zu vernichten. Doch dann geschah etwas, womit ich nicht rechnen konnte. Ein aufstrebender Hexer im inneren Kreis der Bruderschaft bändigte meine brennende Wut auf die Menschen. Ich verliebte mich. Ein Umstand, der mir Jahrhunderte nicht vergönnt war. Doch die Bruderschaft bekam Wind davon. Wir flohen nach Deutschland, aber egal wo wir waren, man fand uns. Die Bruderschaft führte Krieg gegen uns, der sich wie ein Feuer ausbreitete und alles überrannte. Als sie den Hexer in die Hände bekamen, haben sie ihn umgebracht und mich mitgenommen. Ich sollte der Bruderschaft unterwürfig sein. Sie alle waren verändert und nicht ich war der Grund für ihr Fortbestehen, sondern einzig und allein die Macht die sie in den vorherigen Jahrhunderten über Menschen und magische Wesen erlangt hatten. Inzwischen haben sie überall ihre Finger im Spiel, wollen die volle Kontrolle über das System. So kann sie niemand mehr stoppen. Einzig und allein ich bin dazu in der Lage, denn meine Kräfte, sind sie erst einmal vollständig erweckt, sind mächtiger als die Bruderschaft zusammen. Und da liegt das Problem. Das ist der Grund, weshalb Ihr mich finden und zu Ihnen bringen sollt. Es gibt eine Möglichkeit mich zu vernichten. Solange ich mich in diesem Körper befinde, bin ich schwach und angreifbar. Rosemarie würde an meinen Kräften zerbrechen, möglicherweise sogar verbrennen. Verlasse ich freiwillig ihren Körper, wird ihr Schmerz nur gering sein, im Gegensatz zu dem, was die Bruderschaft mit ihr machen würde. Ich spüre Eure Schwingungen diesem Mädchen gegenüber, auch ihre Gefühle haben sich seit Eurem Aufeinandertreffen verändert und sie sogar etwas stärker gemacht. Daher gäbe es keinen besseren Zeitpunkt sie zu verlassen.
Bekommt die Bruderschaft Rosemarie in die Hände werden wir unfreiwillig voneinander getrennt, was unser beider Tod bedeutet. Unsere Seelen werden dann auseinandergerissen. Wollt Ihr das riskieren, junger Edelmann?“

Gregory betrachtet erst Rosie, dann die Ehrwürdige und sieht dann wieder zu Rosie, die noch immer den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet hat. Als er sie so sieht, kriecht ein stechender Schmerz durch sein Herz. Ganz langsam krampft sich sein Magen zusammen und er spürt, dass die Ehrwürdige ihm etwas verschweigt. Wenn sie Rosie verlässt, geschieht noch etwas anderes, da ist er sich sicher. Fragen will er nicht, weil er glaubt zu wissen, dass ihm die Ehrwürdige keine Antwort darauf gibt. Er muss demnach eine andere Lösung finden, eine mit der alle Anwesenden zufrieden sind.

Gregory denkt gerade über eine Alternative nach, als er von der Seite angegriffen wird. Der Mann, schießt es ihm durch den Kopf. Den hat er ganz vergessen. Mit Wucht wird er zu Boden gerissen. Kurz darauf sprießen magische Pflanzen aus dem Boden und fesseln ihn in Sekundenschnelle. Es dauert nicht lange und Gregory kann sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Unterdessen muss er mit ansehen, wie der Mann seinen Singsang wieder aufnimmt, und die Ehrwürdige versucht aus Rosies Körper zu steigen.

Ein unbekanntes Gefühl ballt sich in seinem Inneren zusammen wie ein Knäuel, das kurz davor steht zu platzen. Nicht mehr lange und Rosie ist nie wieder das Mädchen von vor einigen Tagen. Er muss etwas machen, nur was?

„Ehrwürdige, wartet! Ich … ich“, stottert er, „Ich weiß zwar nicht wie, aber ich helfe Euch. Nur bitte verlasst Rosies Körper nicht. Ich spüre, dass Ihr mir nicht die Wahrheit über das Verlassen ihres Körpers gesagt habt! Das kann ich nicht zulassen! Ich habe dieses Mädchen doch gerade erst gefunden. Nehmt sie mir nicht weg, bitte“, fleht er sie eindringlich an.

Die Ehrwürdige sieht Gregory an.

„Ich helfe Euch. Und wenn es eine bessere Möglichkeit gibt, dann finde ich sie. Hauptsache Rosemarie bleibt wie sie war! Bitte, ich flehe Euch an, ich mache alles was Ihr verlangt.“

In diesem Moment geschieht etwas, und erstaunt beobachten beide Männer das Geschehen. Durch Rosie und der Ehrwürdigen fährt ein plötzlicher Impuls, lässt die Hexe lavendelfarben und Rosie in einem sanften Safranton aufleuchten.

Erstaunt starrt die Hexe auf Rosies Körper. „Aber das ist unmöglich.“

„Was ist unmöglich?“ Gregory ist neugierig.

„Nie habe ich in ihrem Körper auch nur die leiseste Magie gespürt.“

In diesem Moment öffnet Rosie ihre Augen, sieht den erstaunten und gefesselten Gregory am Boden liegen. Ihre Aura wird stärker, bis sie die Hexe erreicht, dann vermischen sich die beiden Auren zu einer. Kurz darauf hebt Rosie ihren Arm, zeigt auf ihn und lässt einen milchigen Aurafaden aus ihrem Finger heraustreten, der sich langsam in seine Richtung bewegt.

So etwas Faszinierendes hat Gregory bisher noch nie gesehen. Seine Aura war auch stark, aber das überstieg gerade seinen Horizont. Als der inzwischen hellbraun leuchtende Faden seinen Schuh erreicht, fängt er an hellblau aufzuleuchten. Weiter und weiter kriechen beide Auren an seinem Bein hinauf, durchströmen ihn mit unglaublicher Energie, lassen seine Gefühle Funken sprühen. Die Fesseln verpuffen, doch anstatt aufzustehen, wird Gregory von der gewaltigen Kraft zu Boden gedrückt und mit Rosies Gefühlen geradezu überschwemmt.

„Gehen sie … verschmelzen …“, versucht er mit der Hexe zu kommunizieren, kann jedoch keinen klaren Gedanken fassen. Einzig und allein Rosemarie und ihre Gefühle rauben ihm den Verstand. Als sich seine Aura mit ihrer verbindet und ihn komplett einhüllt, weiß er plötzlich was zu tun ist. Langsam drückt er sich vom Boden ab, richtet sich auf und geht zu ihr hinüber. „Ehrwürdige“, er hört sich aus weiter Ferne sprechen, „Ihr müsst mit Rosie verschmelzen. Das rettet Euch das Leben. Ihr habt sie unterschätzt. Wenn Ihr Euch mit ihr vereint, seid Ihr eine Person und noch mächtiger als zuvor. Dann können wir es schaffen Euch vor der Bruderschaft zu schützen.“

Die ehrwürdige Hexe weiß, dass er recht hat und verschmilzt ohne weitere Worte mit Rosemarie.

Lavendel und Safran vereinen sich, leuchten strahlend auf und verblassen, während Gregory das Grab betritt, Rosie ansieht und sie in seinen Armen auffängt, als sie in sich zusammensackt. Er hält sie lange und streicht ihr liebevoll die Haare aus dem Gesicht, kann nicht länger an sich halten und küsst sie zärtlich.

Kapitel 7

In eine warme Decke gehüllt, sitzt Rosie zitternd auf dem Bett in Gregorys Hotelzimmer und schaut zwischen den leise flüsternden Männern am Fenster hin und her. Gregory hatte sofort einen heißen Salbeitee mit Honig und auf ihren Wunsch einen XL-Burger mit Pommes und Salat bestellt, der inzwischen schon Geschichte ist, nachdem sie vom Friedhof gekommen waren.

Rosie wirft einen Blick auf die dampfende Teetasse neben sich.

Seitdem sie und die Ehrwürdige eins sind, fühlt sie sich anders, auf eine merkwürdige Art und Weise sicher und geborgen. Nun spürt sie keine Angst mehr, anders als davor. Erstaunlicherweise kann sie auf das gesamte Wissen der Ehrwürdigen zurückgreifen, ihre Vergangenheit sehen und fühlen, als wäre es ihre eigene. Dass sie selbst über magische Kräfte verfügt, dann auch noch über so mächtige, spürt sie aber nicht. In diesem Punkt fühlt sie sich ganz normal. Nur das viele Wissen bereitet ihr seit einigen Stunden enorme Kopfschmerzen und heiß ist ihr seit dem Friedhof auch, aber das kann auch an Gregory liegen.

Rosie spürt seine warmen und weichen Lippen noch immer auf ihren, und jedes Mal wenn sie daran denkt, explodiert ein übergroßer Knoten in ihrem Bauch und lässt Millionen Schmetterlinge, wahlweise auch Ameisen, frei, die unermüdlich in jeden Winkel ihres Körpers fliegen, oder krabbeln. Und genau dann gerät ihre Atmung durcheinander, so wie in diesem Augenblick.

Um sich etwas zu beruhigen, wippt Rosie in ihrer Decke auf und ab und versucht angestrengt an etwas möglichst Trauriges zu denken. Da reicht es auch schon, wenn sie in Gedanken die Zeit zurückdreht. Muss auch nicht lange sein. Zwei Wochen sind völlig ausreichend. Zwei Wochen, in denen eine Menge geschehen ist.

Oh, die Ablenkung hilft super! Vor zwei Wochen, hatte alles wieder begonnen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren ihr die letzten zehn Jahre wie ein Zuckerschlecken vorgekommen. Familienstreitigkeiten, Cocktailabende mit Freundinnen, Kinobesuche und die Diskussionen danach, wer wohl besser aussieht: Loki oder Thor, und hin und wieder mal den üblichen Liebeskummer.

Aber dann war ihr Großvater vor zwei Wochen verstorben. Ihr Ein und Alles. Wenn er nur das für sie gewesen wäre, denkt sie bedrückt und ist sich dessen bewusst, dass sie seinen Tod bis zu diesem Moment mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hatte. Er war auch eine Art Therapeut gewesen, war immer da gewesen und redete mit ihr, wenn sie wegen einem dieser Anfälle bewusstlos geworden, und wieder aufgewacht war.

Wenigstens weiß sie jetzt Bescheid.
Jetzt sieht sie alle Verbindungen zwischen der Ehrwürdigen, Lavender Gwydolwyn, eine uneheliche Tochter des ersten walisischen Dukes, und ihrem Großvater. Er hatte stets mit Lavender gesprochen, wenn Rosie das Bewusstsein verloren hatte. Davon hatte er ihr nie etwas erzählt. Sie weiß über ihre Verbrennung auf dem Bryn Celli Ddu Bescheid, weil die Menschen sie damals als Hexe verflucht hatten, ebenso wie ihre Mutter, die es offenkundig geschafft hatte einen Duke zu verführen.

Nur die Verbindung zwischen Rosemarie und Lavender war der Hexe, und ihr selbst auch, unklar. Lavender glaubt, dass es eine Verbindung zwischen ihnen geben muss, da dieser Vorgang auf dem Friedhof niemals gutgegangen wäre. Nicht in dieser Art. Davor hatte Rosie sich den Körper eher unfreiwillig mit Lavender geteilt, nun aber sind sie eine Einheit. Von all diesen Geschehnissen, und von ihren Gefühlen zu Gregory schwirrt ihr regelrecht der Kopf.
Erleichternd ist, dass er für sie ebenso stark empfindet. Rosie seufzt schwer und zieht somit Gregorys Aufmerksamkeit auf sich.

Er unterbricht sein Gespräch und fixiert sie mit seinen meerblauen Augen.

Sein Blick bringt ihren Körper auf magische Weise zum Vibrieren und sie kann nicht anders, als an den Kuss vorhin zu denken. Von diesem Gedanken wird ihr wieder heiß unter der dicken Decke, sie spürt, wie ihre Wangen zu Glühen beginnen. Verlegen schluckt sie, greift nach ihrer Tasse und nippt möglichst unauffällig zu ihm hinüberschielend daran. Dabei entgeht ihr nicht sein amüsierter und vor allem interessierter Blick.

Klopfenden Herzens stellt sie die Tasse ab und bläht die Backen auf, um sich wieder von ihren Gedanken abzulenken. Es funktioniert nicht. Gregorys Präsenz zieht sie in seinen Bann. So war das schon neulich gewesen, als sie ihn überrumpelt hatte. Gott! Ist ihr das peinlich, wenn sie daran zurückdenkt. Rosie räuspert sich und sucht mit ihrem Blick das schöne Hotelzimmer ab. Vielleicht schafft sie es ja sogar, an etwas anderes als an ihn zu denken.

Mühevoll konzentriert sie sich auf den Mann neben Gregory, der ihm leise flüsternd erzählt, was alles geschehen war.

Er ist ein Erweckungspriester, Alister Parsons. Ein Nachfolger des Priesters, der Lavender auf dem Scheiterhaufen ewige Treue geschworen hatte. Der damalige Priester, Jacob ap Llewely, hatte geschworen, Lavender wieder zu erwecken, sobald die Zeit dafür reif wäre und all sein Wissen darüber an seine Brüder weitergegeben. Rosie weiß jetzt auch, dass die Bruderschaft, sobald sie davon erfahren hatte, alle Wissenden ermordet hatten, um diesen Vorgang zu verhindern. Sie wollten es selbst kontrollieren. Doch sie wussten nicht, dass Jacob sein Wissen an seine Schwester weitergegeben hatte und die wiederum an ihre Kinder. Seine Schwester hatte sein Erbe weitergeführt und Alister ist der Letzte aus ihrem Geschlecht.

Da fällt ihr etwas ein. „Ihr wisst, dass wir Alister ebenfalls vor der Bruderschaft schützen müssen?“

Gregory, der inzwischen wieder mit dem Priester in ein Gespräch vertieft ist, schaut zu ihr hinüber. „Aus welchem Grund?“

Rosie freut sich über seine Aufmerksamkeit und über das Wissen, dass ihr zur Verfügung steht. „Alister? Haben Sie ihm alles erzählt?“

Der Priester sieht sie fragend an. „Nein, wir haben uns lediglich über die letzten Tage unterhalten. Wie ich Euch gefunden habe, Ehrwürdige.“

Sie verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. „Bitte, nennen Sie mich Rosie. Lavender und ich sind jetzt eine Person, und ich will weiterhin normal angesprochen werden.“

„Also schön, Rosie. Dann bestehe ich aber darauf, dass du mich Alister nennst.“

Rosie nickt einverstanden. „Gregory, Alister ist der letzte Erweckungspriester und wenn die Bruderschaft erfährt, dass es ihn gibt, werden sie ihn töten, so wie sie es damals mit allen anderen getan haben. Er war bisher nur sicher, weil er bis heute nie in Erscheinung getreten ist.“

Gregory schielt zu dem Priester, der etwas leidlich dreinschaut. Dann seufzt er besorgt. „Ich sag dir was, Rosie. Sobald die Bruderschaft von meinem Handeln erfährt, sind wir alle drei in Gefahr. In äußerster Lebensgefahr! Und nirgendwo auf dem Planeten in Sicherheit“, sagt er und setzt sich zu ihr aufs Bett.

Seine Nähe irritiert Rosie sofort, doch zwingt sie sich konzentriert zu bleiben. Bedrückt atmet sie aus und lehnt sich gegen ihn, genießt das Gefühl der Geborgenheit.

Bleiernes Schweigen breitet sich im Zimmer aus, bis Alister sich zu den beiden umdreht und sie mit großen Augen ansieht. „Auch wenn meine Arbeit im eigentlichen Sinne bereits erledigt ist, gehört Lavender meine ewige Treue und bis Rosie mit ihren und den eigenen Kräften umgehen kann, werde ich bei euch bleiben und euch so gut es geht vor der Bruderschaft schützen.“ Er macht eine bedeutungsschwere Pause, so, als wiege er die richtigen Worte ab. „Es gibt noch eine Möglichkeit. Allerdings weiß ich nicht, ob sie euch gefällt.“

Gregory zieht ungläubig die Augenbrauen zusammen und mustert Alister interessiert.

„Es gibt keinen Ort, an dem wir vor der Bruderschaft sicher sind. Also, welche ist es?“

„Die andere Seite.“

Jetzt ist es an Rosie ungläubig zu schauen. Was bitte ist die andere Seite?

Alister muss ihren fragenden Blick verstanden haben, denn er antwortet sofort. „Die Schattenwelt. Die Dunkelheit“, flüstert er geheimnisvoll.

Kapitel 8

Gregory, Rosie und Alister stehen vor einer doppelflügligen Glastür, die in eine überdimensionale Lagerhalle führt. Alister hat sie zu dem Mann geführt, der sie in die Schattenwelt bringen kann und allgemein nur als Meister Chow bezeichnet wird.

Meister Chow ist der einzige Mann auf der Welt, der dazu in der Lage ist zeitgleich in beiden Welten zu wandeln. Er ist, wie Alister ihnen erklärt hat, ein neutraler Beobachter, der bisher noch niemals eine Seite gewählt hat, weswegen er mehrere Jahrhunderte unter den Menschen weilt. Es kursieren einige Gerüchte über sein wahres Alter, doch sind es lediglich Gerüchte geblieben.

Alister macht eine ausladende Armbewegung. „Diesen Komplex bewirtschaftet er seit dem zwanzigsten Jahrhundert.“

„Was befindet sich darin?“, fragt Rosie neugierig und drückt Gregorys Hand vor Nervosität. Irgendwie ist ihr nicht ganz wohl in der Haut, wenn sie daran denkt, was sie nun vorhaben.

Gregory mustert die Umgebung sorgfältig, während Alister mit gerunzelter Stirn zu Rosie schaut.

„Ist das nicht offensichtlich? Sieh dich doch mal um“, fordert er sie auf.

„Pflanzen? Wirklich?“ Ungläubig sieht sie sich um. Überall stehen hohe, breite Metallregale voller Blumen und Pflanzen.

Bedächtig nickt Alister. „Ja, man mag es kaum glauben, aber er liebt Pflanzen über alles. Die perfekte Tarnung ist es auch.“

Es fröstelt Rosie. Abgesehen davon, dass sie bald die Schattenwelt betreten, hoffentlich, werden sie dort vor Betreten der anderen Welt auch noch gut gekühlt werden. Ein Schauer läuft ihr kalt über den Rücken. Unwillkürlich schüttelt sie sich. Sie liebt Pflanzen auch, aber Pflanzengroßmärkte waren ihr schon immer zu kühl gewesen.

Gregory betrachtet sie mit seinem warmen Blick und als Alister die Tür öffnet, folgen sie ihm hinein.

„Und was machen wir, wenn er uns hilft und wir die Schattenwelt betreten?“ Es ist nur ein Flüstern, dass sie hervorbringt, um die Aufmerksamkeit der anderen Menschen nicht unnötig auf sich zu lenken.

„Beten.“ Alister dreht sich zu ihnen um und sieht wenig hoffnungsvoll aus.

Auch das noch, stöhnt Rosie innerlich. Wenn er schon wenig Hoffnung hat, wieso machen sie sich dann überhaupt die Mühe?

Als hätte Gregory ihre Frage gehört, raunt er ihr ins Ohr: „Es ist der einzige Ort an dem die Bruderschaft uns nicht finden kann. Wir haben also keine andere Wahl.“ Er hebt seinen Kopf und blickt sich nach allen Seiten prüfend um. „Und wenn wir uns nicht beeilen, haben sie uns auch schon bald gefunden. Ich bin mir nämlich sehr sicher, dass sie bereits über alles im Bilde sind. Sie haben ihre Augen und Ohren überall.“

Wieder durchfährt Rosie ein kalter Schauder, doch sie untersteht dieses Mal dem Zwang sich zu schütteln oder gar wegrennen zu wollen.

Gregory belohnt sie dafür mit einem sanften Kuss am Hals, bevor er sich wieder auf Alister konzentriert.

Sie glaubt ihm, nicht nur wegen des Kusses und des unglaublich verstörenden Kribbelns im Bauch, sondern auch weil er wirklich besorgt aussieht. Während er ihre Hand noch fester umschließt, beobachtet sie ihn von der Seite und kann immer noch nicht fassen, wie sehr sie ihm verfallen ist. Ob das gut ist? Sie kommt nicht umhin sein Gesicht genauer zu betrachten. Die roten Bartstoppeln, die ganz natürlich einen Kotelettenbart formen, ohne erzwungen zu wirken. Eine Lippen, die von der Seite noch verführerischer aussehen als ohnehin schon. Die kleinen Ohren, die von seinen abstehenden roten Haaren leicht bedeckt werden, und …

„Hör auf damit“, sagt Gregory mit einem Grinsen und reißt Rosie somit aus ihren Gedanken.

Schuldbewusst steigt ihr die Röte ins Gesicht. „Womit?“

„Na, du guckst wie ein Schaf“, jetzt dreht er sich zu ihr und sie sieht seine Augen amüsiert Funkeln, „Hör auf damit, ich muss mich konzentrieren.“

Rosie räuspert sich verlegen. „Tschuldigung, ich … äh…“

Doch plötzlich bleibt er stehen, zieht sie zu sich heran und vergräbt sein Gesicht in ihrem Hals. „Kannst du dich konzentrieren, wenn ich das hier mache?“, fragt er sie, während er anfängt ihren Hals abzuküssen.

Rosie seufzt. Weil sie aber nicht in der Lage ist zu antworten, schüttelt sie lediglich den Kopf.

„Siehst du, ich auch nicht. Es ist ohnehin schwer genug für mich, dich neben mir zu haben“, haucht er ihr zu, und drückt sie fester an sich, während seine Hände ihren Rücken entlangstreichen. „Du machst mich ganz verrückt.“

Aber genauso plötzlich wie er sie überfallen hat, löst er sich auch schon wieder von ihr und schiebt sie auf Armeslänge an ihren Schultern von sich.

Rosies Beine sind wie Butter geschmolzen. Würde Gregory sie nicht festhalten, würden sie davonfließen. Ihre Haut kribbelt, so, wie der Rest ihres Körpers und die Atmung erst … dass die überhaupt noch funktioniert, ist ein wahres Wunder der Technik. Der Gedanke hüpft durch Rosies luftleeren Raum im Gehirn und sie spürt, wie der Satz mehrmals aneckt und wieder zurückgeworfen wird. Da funktioniert offensichtlich nichts mehr …

Gregory bringt ein spitzbübisches Grinsen zum Vorschein. „Du guckst schon wieder so. Lass das, sonst muss ich mit dir erst woanders hingehen. Dein Blick bringt mich um den Verstand, Rosie“, er schüttelt leise lachend den Kopf. Sein Atem geht ebenfalls stoßweise, als er mit ihr spricht und sie noch immer in seinem alles sagendem Blick versinkt. Was er sagt dringt nur langsam zu ihr durch. „So kann ich mich wirklich nicht konzentrieren.“

„Mähhh?“, sagt Rosie, woraufhin Gregory sie verdutzt ansieht. Kurz darauf prusten beide los und lachen sich kaputt, wahrscheinlich auch, um die Angst, die dahintersteckt, zu vergessen. Sie brauchen eine Weile, beruhigen sich aber schnell wieder, immerhin haben sie Wichtigeres zu tun.

Verlegen schaut Rosie woandershin, zupft sich dann ihre Sachen zurecht und will gerade gehen, als Gregory einen Schritt auf sie zumacht, ihren Kopf in seine Hände nimmt und küsst. „Das ist ein kleiner Vorgeschmack, Rosie Sandberg“, sagt er als er sich wieder von ihr löst, „Ich werde dich mit meinem Leben beschützen. Ich l…“

„Hey ihr Turteltauben“, kommt Alister auf sie zu und unterbricht Gregory, „Seid ihr dann fertig? Ich habe Meister Chow bereits gefunden. Er erwartet uns.“

Ich habe Meister Chow bereits gefunden. Dieser Satz holt sie in die Wirklichkeit zurück und schlagartig ist jeder verliebte Gedanke von ihr abgefallen. Meister Chow! Und wieder fragt Rosie sich, ob sie das Richtige machen? Lavender scheint es egal zu sein, denn sie lässt durch keine Gefühlsregung erkennen, ob sie den richtigen Weg einschlagen.

Gregory drückt ihr einen letzten Kuss auf den Mund und nimmt sie an die Hand. Dann folgen sie Alister und in diesem Moment hat sie das unbestimmte Gefühl, alles um sich herum in Zeitlupe ablaufen zu sehen.

Rosie strafft ihre Schultern, und nimmt allen Mut zusammen dem etwas verwegenem Priester und Gregory, in unbekanntes Land zu folgen.

Kapitel 9

Meister Chow nimmt die drei Ankömmlinge in einer großen Menschenleeren Halle in Empfang.

Bevor Rosie und die anderen den Meister erreichen, blickt sie sich interessiert um.
In großen Abständen stehen hüfthohe Metalltische. Ordentlich neben-, und hintereinander aufgereiht sind sie über und über mit seltenen Orchideen, kleinen und größeren Bonsai, großen Bananenstauden und anderen Pflanzen, die Rosie noch nie gesehen hat, bestückt. Die Halle ist locker so hoch und breit wie ein Fußballstadion. Das Dach ist ein Konstrukt aus Stahl und Glas und Kuppelähnlich aufgebaut. Dafür sind alle Wände aus Beton, sodass das Licht nur von oben eindringt.
Erstaunt stellt sie fest, dass bis auf die eine Tür nirgends ein anderer Ausgang zu finden ist. Also entweder man kommt hier wirklich nur auf einem Wege herein oder heraus, oder überhaupt nicht mehr. Doch dann wäre die nächste Frage, was mit den Personen hier drinnen geschieht?

Rosie fühlt sich unwohl als sie bemerkt, dass ihr Leben von der Gunst dieses einen Mannes abhängt. Interessiert betrachtet sie Meister Chow. Offenkundig ist er ein Asiat, vielleicht ein Chinese, aber sicher ist sie sich dessen nicht. Er trägt ein bodenlanges helles Gewand aus Baumwolle oder Leinen.

„Willkommen in meinem Reich“, begrüßt Meister Chow mit einer allumfassenden Armbewegung, als sie ihm näher kommen. Ihr fällt auf, dass die Jacke oder Robe die er trägt, ausgestellte lange Ärmel hat und sanft durch die Luft gleitet. Aus irgendeinem Grund weiß sie in diesem Moment, dass er ein Cheongsam mit Mandarin Robe trägt. Er selbst wirkt entspannt und freundlich, faltet die Hände hinter dem Rücken wieder zusammen und steht würdevoll vor ihnen. Er macht ein amüsiertes Gesicht als er Rosie dabei beobachtet, wie fasziniert sie ihn anstarrt.

Verlegen räuspert sie sich und schaut in eine andere Richtung.

„Danke, dass Ihr uns empfangt Meister Chow.“ Gregory und Alister deuten eine leichte Verbeugung an.

Als Rosie das sieht, tut sie es ihnen gleich. Offenkundig ist es so Brauch und sie hat auch keine Lust Meister Chow zu verstimmen.

Er kommt direkt auf sie zu und verbeugt sich ebenfalls vor ihr.

Erstaunt starrt sie ihn erneut an. Er hat kurzgeschorene schwarze Haare, buschige Augenbrauen und ein rundliches Gesicht, obwohl er eher schlank ist. Seine Lippen sind voll und als er gerade noch gelächelt hatte, waren Krähenfüße um seine Augen erschienen. Obwohl er einerseits mächtig und furchteinflößend wirkt, macht ihn sein Äußeres wirklich sympathisch. Als er wieder aufrecht steht, legt er eine Hand an ihr Kinn und betrachtet sie ausführlich. Dann führt er seine Hand vor ihrem Brustkorb hinauf zum Kopf und etwas Erstaunliches geschieht.

Ihre Aura beginnt hell aufzuleuchten, woraufhin sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitet. Da ist er wieder, der freundliche, weise Blick mit den Lachfältchen. Dennoch blickt Rosie verunsichert zu Gregory, der nur ahnungslos mit den Schultern zuckt und ebenso aussieht.

Alister hingegen lächelt unbekümmert.

„Ah“, sagt Meister Chow sanft und hebt den Kopf, „Lavender, meine Liebste. Es ist schön, dich wiederzusehen. Wie ich sehe, hast du dich mit der jungen Dame zusammengeschlossen. Eine gute Wahl. Sie steht dir in nichts nach.“

In diesem Augenblick läuft hinter Rosies Augen ein Film ab, der sie überrascht.

„Ihr habt … Ihr seid …“, stottert sie verlegen und schluckt.

„Ja, waren wir, junge Dame. Für eine lange Zeit waren wir das. Bis uns das Schicksal wieder getrennt hat.“

Gregory zieht eine Augenbraue in die Höhe, und sieht von einem zum anderem.

„Nun denn. Ihr habt ein wichtigeres Anliegen, nehme ich an?“ Während er seine Hände wieder auf dem Rücken zusammenfaltet, fällt sein Blick erst auf Alister, dann auf Gregory und bleibt letztendlich auf Rosie hängen.

„Gehen wir ein Stück, dann könnt ihr es mir in aller Ruhe erklären.“

Meister Chow schickt sich an, voranzugehen und nacheinander folgen sie ihm.

Rosie huscht schnell zu Gregory und nimmt seine Hand, während Alister zu Meister Chow aufschließt und ihm den Grund für ihr Erscheinen darlegt. Interessiert hört der Mann zu. Langsam biegen sie in die Reihe der Bonsaibäumchen ab und während Alister noch immer berichtet, betrachtet Meister Chow liebevoll die Bonsais. Als Alister fertig ist, bleibt Meister Chow unvermittelt stehen und dreht sich zu Gregory und Rosie um.

„Ihr wollt also in die Schattenwelt hinübertreten“, sagt er leise und nickt bedächtig. „Wisst ihr, was euch dort erwartet?“

Rosie schüttelt den Kopf. „Bis vor einigen Tagen habe ich nicht einmal gewusst, wer oder was ich bin.“

„Ahh. Und doch willst du diesen Männern in die Dunkelheit folgen!“

Nervös schaut Rosie von Alister zu Gregory, dann zu Meister Chow. „Ja, will ich.“

Gregory legt schützend einen Arm um sie, woraufhin Meister Chow sein Gesicht verzieht. Es ist nur ganz kurz, aber sie erkennt den Schmerz, den er zu verspüren scheint, und fühlt Lavenders Sehnsucht. Ist es nun auch ihre Sehnsucht? Beinahe fühlt es sich so an und würde Gregory sie nicht halten, wäre sie drauf und dran, zu ihm zu gehen und ihn zu umarmen.

Meister Chow sieht ihren Blick und lächelt milde. „Wenn ihr an eurem Entschluss festhaltet, dann kann ich euch helfen. Aber seid gewarnt. Wer einmal die Schattenwelt betritt, findet den Weg aus der Dunkelheit nur selten wieder heraus.“

„Weshalb?“, hakt Rosie nach, „Ist es die Hölle?“

„Nein. Die Hölle ist es nicht. Aber es ist der Vorort zur Hölle.“

„Wie meint Ihr das?“ Gregory löst sich von Rosie. Sie spürt seine Nervosität.

„Nun, in der Schattenwelt findet ihr nicht nur die Schattenjäger und die Schattenstadt, sondern auch den Hof. Der Hof ist ein Ort an dem die Unwürdigen festgehalten werden, bis man weiß an welchen düsteren Ort der Verbannung sie geschickt werden. Bisher ist es nur einem gelungen, diesen Ort zu verlassen. Gebrandmarkt und verfolgt hat er sich in der Welt der Lebenden eingenistet und wartet auf den Tag der Vergeltung. Bisher haben die Schattenjäger ihn nicht ausfindig machen können.“

Uh, das hört sich gruselig an, findet Rosie und ein kalter Schauder überläuft sie. „Gibt es denn dann für uns einen Weg zurück?“

Meister Chow macht einen Schritt auf sie zu, hebt seinen linken Arm und zeigt auf die Lücke zwischen Ärmel und seinem Körper. Das gleiche macht er auf der rechten Seite.

„Dies ist das Tor zur Schattenwelt. Ihr könnt es nur durchschreiten, wenn ich euch die Erlaubnis erteile. Und dies“, er zeigt auf die rechte Seite, „ist der Weg zurück in diese Welt. Es gibt auch andere Wege, jedoch sind diese verflucht. Sobald jemand die Welt unerlaubt betritt oder verlässt, nehmen die Schattenjäger die Fährte auf und holen sich die Seelen jener zurück. Diese erwartet die schlimmste Bestrafung. Die endgültige Vernichtung. Keine Wiedergeburt, keine Rückkehr … für immer.“

Das Kinn vorgestreckt, sieht er sie alle nacheinander an. „Wollt ihr diesen Schritt noch immer gehen?“

Alister räuspert sich. „Die Bruderschaft macht Jagd auf uns. Wir müssen Rosie zeigen, wie sie ihre neuen Kräfte nutzen kann, bevor wir der Bruderschaft entgegentreten können.“ Ihm ist sichtlich unwohl bei dem Gedanken, in die Schattenwelt zu reisen. Doch stellt er sich entschlossen seinem Schicksal.

„Die Bruderschaft. Der Bund, der uns trennte, Lavender“, flüstert Meister Chow, lässt seine Arme sinken und sieht Rosie eindringlich in die Augen. Seine Augen strahlen eine alte Sehnsucht aus, die ihr einen Stich versetzt, so, als würde er sich noch immer nach Lavender verzehren und säße hier ein Strafe ab.

Inniglich hofft sie, niemals solch einen Schmerz verspüren zu müssen, denn das würde ihr das Herz brechen. Vielleicht kann sie ja zu gegebener Zeit etwas dagegen machen.

Traurig wendet er den Blick von ihr ab. „Nun denn. Dann gewähre ich euch Einlass“, sagt er und hebt wieder den linken Arm.

Fasziniert beobachten alle, wie sich ein Tor zu bilden scheint und nichts weiter als träge wabernder, trüber Nebel, inmitten der dunklen Leere dahinter, zu sehen ist. „Wenn ihr jedoch durch das Tor tretet, seid euch gewahr, dass Gefahren auf euch lauern. Ebenso werdet ihr feststellen, dass auf der anderen Seite alles Spiegelverkehrt ist, was bedeutet, dass ihr diese Halle genau andersherum sehen werdet. Ich werde dann allerdings nicht mehr da sein. Ihr verlasst die Halle, wo ihr sie vorhin betreten habt.“ Er macht eine Pause, in der er Rosie noch einmal anlächelt, während Alister bereits im Schatten verschwunden und Gregory im Begriff ist, ihm zu folgen.
Er streckt die rechte Hand nach ihrem Gesicht aus und streicht sanft über ihre Wange. „Ich hoffe Lavender weiß, dass ich sie noch immer Liebe, aber ich darf mich für keine Seite entscheiden, so lange ich selbst nicht betroffen bin. Das war die damalige Bedingung für meine Unsterblichkeit. Hätte ich geahnt, dass mir nur wenig Zeit mit ihr vergönnt sein würde und ich den Rest meines Lebens ohne sie verbringen muss …“, sagt er kopfschüttelnd, ohne den Rest auszusprechen.
Er gibt ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.

In diesem Moment wird sie von einer starken Gefühlswelle überschwemmt, die von Lavender ausgeht und mächtiger ist als alles andere, was die Hexe sie bisher hatte spüren lassen. Rosie fasst einen Entschluss. „Ich schaffe es und wenn ich wiederkomme, werde ich Lavender befreien und sie euch wiederbringen. Ihr habt mein Wort!“

Meister Chow lächelt sie dankbar an und nickt zustimmend. „Folgt dem trüben Licht, es führt euch direkt in die Schattenstadt, wo ihr einen Mann finden werdet, dessen Licht es ist, das so hell erstrahlt. Er ist ein alter Freund und wird euch helfen, wenn ihr ihm sagt, dass ich euch zu ihm geschickt habe. Und nun geht, die Zeit wird knapp.“

Rosie umarmt Meister Chow, tritt vor das Portal und macht nur zögernd den ersten Schritt in die Schattenwelt. Doch als ihr Bein im Nebel verschwunden ist, spürt sie Eiseskälte an sich hinaufsteigen und ein Ziehen und Reißen, so, als greift diese Welt nach ihr, um sie zu verschlingen.

Kapitel 10

Dunkelheit, Kälte und wabernder Nebel hüllt Rosie ein wie ein nasskaltes Tuch. Der Übergang zur Schattenwelt ist nicht annähernd so schlimm, wie es sich in diesem Moment anfühlt. Sich umschauend, kneift sie die Augen zusammen, und versucht angestrengt etwas in dieser Finsternis zu erkennen. Es ist nicht einfach und nur langsam gewöhnen sich ihre Augen an die neue Umgebung.

„Rosie?“ Gregory steht nicht weit entfernt von ihr, dennoch hört sie seine Stimme wie aus weiter Ferne. Plötzlich spürt sie, wie seine Finger sanft zwischen die Ihren gleiten und sie fest umklammern. Sichtbar ist er jedoch nicht.

„Wo ist Alister?“, flüstert sie Gregory zu.

„Keine Ahnung“, hört sie ihn schon deutlicher neben sich.

„Alister“, hallt mit einem Mal eine fremde Stimme durch die klamme Finsternis.

Rosie erschrickt, zieht Gregory sofort zu sich, um sich an ihm festzuklammern. Er beruhigt sie, indem er ihr den Rücken streichelt. Als sie sich umsieht, nimmt sie die Konturen der Halle in einem beinahe unwirklichen, flimmernden Grauton wahr. Irgendwie hat sie das Gefühl in einem Schwarzweißfilm festzusitzen. Die ganze Umgebung erinnert sie etwas zu sehr an Sin City, nur noch etwas verwaschener.

„Diese Stimme kommt mir bekannt vor“, ruft Alister etwas weiter entfernt.

„Ja. Ich hatte auch das Gefühl, diese Stimme zu kennen“, erwidert Gregory völlig gelassen.

Die näherkommende Stimme Alisters und seine langsam erkennbaren Konturen lassen Rosie ruhiger werden. Wenn die beiden keine Angst haben, muss sie das wohl auch nicht. Allerdings wundert sie sich, woher die beiden die Stimme kennen. Ihr ist sie völlig fremd.

„Aber wie ist das möglich?“ Alister steht direkt vor ihnen.

Erleichtert atmet Rosie aus. Nun sind sie wieder zusammen. Sie spürt, wie Gregory mit den Schultern zuckt. „Keine Ahnung, ehrlich. Ich wollte gera…“, setzt er an, als er unterbrochen wird.

„Natürlich wisst ihr es nicht, weil Chow es euch auch nicht verraten hat. Ich schätze, er wollte euch damit überraschen.“ Aus der Finsternis tritt eine Frau heraus, umgeben von einer leichten Lavendelaura.

Rosie schnappt nach Luft, sofern sie hier etwas in der Art einatmet. Vor ihnen steht Lavender. „Aber wie ist das möglich?“, echot Rosie nun.

Lavender sieht Rosie liebevoll an, fast so, als würde sie ihr diese unwissende Frage noch einmal verzeihen, aber nur weil sie es noch nicht wissen konnte. „Nun, wir befinden uns hier in der Schattenwelt, im Land der Geister. Seht an euch herunter. Ihr werdet feststellen, dass auch ihr nur noch Geister seid und keine menschliche Hülle mehr besitzt.“

Die drei folgen ihrem Ratschlag, und staunen. Sie sind tatsächlich nur noch eine verzerrte Hülle ihrer selbst. Rosie weicht erschrocken zurück. Sie ist eingehüllt vom Nebel. Ihr Körper ist verschwunden. An seiner statt wirbelt der Schatten um sie herum. Auch Alister und Gregory sehen so aus, unwirklich und tot. Während sie, Lavender und Gregory von ihrer schwachen Aura umgeben sind, ist Alister nahezu farblos, grau. Warum ist ihr das nicht gerade eben schon aufgefallen? Verwirrt blickt sie zwischen den Anwesenden hin und her.

„Rosie und ich wurden getrennt, als sie diesen Ort betreten hatte. Nun guckt nicht so erschrocken. Wärt ihr in die Schattenwelt gegangen, wenn Chow euch das gesagt hätte?“, fragt Lavender als sie die erstaunten Gesichter sieht.

Rosie schüttelt den Kopf. Sie ganz bestimmt nicht. Aber nun sind sie hier und müssen das Beste aus dieser neuen Situation machen. „Wie soll ich dann lernen mit meinen Kräften umzugehen, wenn ich nicht ich bin?“ Und wieso kann sie Gregorys Hand halten, wenn sie doch Geister sind.

„Du brauchst deinen Körper nicht, um deine Kräfte zu trainieren. Vielleicht ist es sogar besser wenn du deine Kräfte auf diese Art und Weise kennenlernst. Dann beherrschst du sie wenigstens, weil du sie mit deinem Körper viel einfacher kontrollieren kannst. Das wird dich stärken, Rosie.“

Rosie nickt, doch ihr Unbehagen bleibt. Was, wenn sie nicht mehr in die reale Welt zurückkehren können? Ein tiefer Seufzer entfährt ihr. Dann spürt sie jedoch Gregorys Hand in ihrer und fühlt sich nicht mehr ganz so verloren.

Lavender geht zu Alister hinüber. Nein, sie schwebt mehr als das sie geht.

„Lasst uns erst einmal den Ausgang aus dieser Halle finden“, sagt Alister und zeigt in eine Richtung. „Wenn ich mich recht erinnere, dann ist jetzt alles Spiegelverkehrt? Ich glaube, dann müssen wir in die Richtung gehen.“

Lavender nickt bestätigend und geht mit Alister voraus.

Rosie hört, wie sich die beiden unterhalten und beschließt, vorerst das ungute Gefühl beiseitezuschieben. Stattdessen schaut sie sich noch einmal in der Halle um und erkennt erstaunt, dass sich um sie herum nur leere Pflanztische befanden. Keine Pflanzen, keine Sonne, kein Licht. Nur das viele Glas über sie und Beton um sie herum.

Gregory drückt ihre Hand und sieht sie auffordernd an, dann folgen sie den beiden. „Sag mal, warum hast du vorhin Mäh gesagt?“ Er schaut sie an, während sie nebeneinanderhergehen.

Rosie schaut zu ihm hinauf, kann sein Lächeln aber nur vage erkennen. Hoffentlich gewöhnt sie sich noch daran. Es dauert nicht lange und sie sieht sein Gesicht nicht mehr so verschwommen und verwischt, erkennt seine leuchtenden Augen und auch den Anflug eines Lächelns. Sie lacht auf. „Ich weiß nicht. In diesem Moment war mein Gehirn so weichgespült, dass ich nichts anderes denken konnte. In einem meiner Lieblingsbücher, sagt das eine Schwester zur anderen, weil sie sie mit ihrer Verliebtheit aufziehen will.“ Will er sie von ihrer Umgebung ablenken? Na, zumindest scheint es in diesem Moment zu funktionieren.

„Ich wollte dir, bevor Alister uns gestört hat, auch noch etwas Wichtiges sagen, Rosie.“

„So? Was denn?“ Ihr Herz klopft. Geht das überhaupt? Sie zuckt mit den Schultern.

Gregory bleibt stehen und schaut ihr in die Augen. „Ich liebe dich, Rosie.“ Er nimmt ihren Kopf zwischen seine Hände und küsst sie. Alles was sie jedoch spürt, ist ein leichter Druck, und Kälte.

„Oh.“ Das ist das Einzige, was sie hervorbringt. Verlegen räuspert sie sich.

„Ich … Bisher hatte mich noch keine Frau für sich eingenommen. Du bist die Erste. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um dich zu schützen.“

„Ich … also … äh, danke?“ So richtig weiß sie nicht, was sie darauf erwidern soll. Aber sie fühlt eine Wärme in sich aufsteigen, die ihr das Gefühl gibt, in Sicherheit zu sein.

„Ich dich auch“, flüstert sie zurück. Dass sie sich einmal so schnell verlieben würde, hätte sie nicht gedacht.

Gregory drückt ihre Hand und dann folgen sie schnelleren Schrittes den anderen beiden, bis zur Eingangstür hinaus. Als sie bei Alister und Lavender ankommen, werden sie bereits erwartet. „Da seid ihr ja endlich. Es ist besser, wenn wir diese Halle zusammen verlassen“, sagt er müde und erschöpft.

Er ist kein Hexer. Vielleicht setzt ihm diese Welt noch mehr zu als ihnen? Dann macht er einen Schritt auf die Tür zu, öffnet sie, und wartet bis alle hindurchgegangen sind. Als die Tür hinter ihm zufällt, atmet er erleichtert auf.

„Mach dir nicht zu viele Hoffnungen, dass es hier draußen besser wird, Alister.“ Lavender sieht ihn besorgt an. „Hier lauern Dinge, die willst du nicht sehen.“ Sie zeigt in eine Richtung, in der ein schwaches Glimmen zu erkennen ist. „Dort müssen wir hin. Das ist der Ort an dem wir vorerst sicher sind, den Chow uns ans Herz gelegt hat. Doch der Weg ist weiter als es den Anschein hat.“

Rosie spürt Lavenders Unruhe. Als hätten sie sich abgesprochen, nicken sie sich zu, und machen sich bereit, den eingeschlagenen Weg gemeinsam hinter sich zu bringen. Dann lassen sie die augenscheinlich leere Halle hinter sich, unwissend, dass Chow hinter ihnen ist, und noch etwas anderes um sie herum, sie beobachtet.

Kapitel 11

„Ich sagte … ES IST SCHWEINEHEIß HIER!!!“, brüllt Joanna wütend ins Telefon. Die Leute um sie herum starren sie pikiert an. Was glotzen die so blöd? Desinteressiert dreht sie sich wieder weg, redet von nun an aber wieder etwas leiser. „Warum habt ihr mich in diese Scheiß Hitze verbannt? Was zum Henker soll ich hier? Verrecken?“ Joanna hat sich noch nie so mies gefühlt. Wüsste sie es nicht besser, würde sie sagen, man spielt ihr einen Streich. Aber sie weiß es besser. Verbannung ist das magische Wort. Wohin, kann sie auf den ersten Blick allerdings nicht sagen.

Die Mittagshitze hockt ihr schwer auf den Schultern, verbrennt nicht nur ihre sorgfältig ungebräunte Haut, sondern sticht wie tausend Nadeln in ihr Hirn. Zumindest kommt es ihr so vor. Wenn sie einen Tipp abgeben würde, befindet sie sich irgendwo … in einem warmen Land. Und abgesehen davon, dass man nur ihre Lautstärke bemerkt hat, versteht sie kein Wort von dem was die Leute zu ihr sagen. Diese Sprache! Hört sich an, als brüllen sie sich gegenseitig Schimpfwörter an den Kopf.

Verflucht noch eins!  Joanna weiß mit einem Mal, wo sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach befindet und ihre Wut steigt ins Unermessliche. Sie erhält keine Antwort auf ihre Frage.

„Du weißt, warum wir das machen, Jo“, hört sie die Stimme am anderen Ende, während sie misstrauisch die Umgebung betrachtet. Gereizt äfft sie der Stimme stumm nach und verzieht dabei ihr Gesicht.
„Ja, ja. Schätzte schon“, sagt sie, betrachtet genervt ihre Fingernägel und bereits geröteten Arme. Wie sehr sie die Sonne hasst! Aber den Kerl am anderen Ende der Leitung hasst sie noch viel mehr. Jetzt, wo er sie einfach so abgeschoben hat. Sie kann froh sein, nicht sofort zu verbrennen … Puff … wie diese Loservampire. „Dann muss ich, also wie genau zurückkommen?“ Joanna räkelt sich genüsslich, als sie endlich ein schattiges Plätzchen gefunden hat. „Ich meine, viel habt ihr mir ja nicht mitgegeben. Wenn ich richtig gesehen habe, dann nur einige Dollar, das Telefon und meinen Ausweis.“

„Joanna. Das ist deine Prüfung. Wenn du tust, was wir von dir verlangen, dann bist du im inneren Zirkel aufgenommen. Du hast dich bis jetzt nicht mit Ruhm bekleckert.“

Pfff. Was der für einen Schwachsinn quatscht. Gut, ja, sie hatte Mist gebaut, aber mussten die gleich so übertreiben? „Das alles nur wegen dem einen Ausrutscher?“

„Du hattest klare Anweisungen gehabt und sie nicht ausgeführt.“

Joanna schweigt für einen Augenblick, bündelt nachdenklich ihre schwarzen Haare zusammen und lässt sie seufzend wieder über die Schultern fallen. „Wie lautet demnach mein Auftrag?“, fragt sie resignierend.

„Finden und ausschalten!“

Verwundert zieht sie eine Augenbraue hoch, während sie die vorbeigehenden Männer und Frauen beobachtet. Die Frauen tragen Kopftücher und Joanna spürt, wie deren finstere Blicke an ihr hängen bleiben. Fast wäre sie geneigt, denen die Zunge rauszustrecken, lässt es aber lieber sein. Stattdessen konzentriert sie sich wieder auf das Gespräch. „Finden und ausschalten? Ich soll Gregory töten? Er ist doch einer von uns!“

„Jetzt nicht mehr. Soweit wir wissen, hat er sich vor einigen Tagen gegen uns entschieden.“

„Woher…“, will sie fragen, entscheidet sich aber dagegen. Die Bruderschaft hat Mittel und Wege, sonst hätten sie nicht herausgefunden, was sie getrieben hatte. „Und wo finde ich ihn?“ Sie weiß, dass ihr Ton unangebracht ist, kann es sich aber nicht verkneifen. Immerhin soll sie ihren eigenen Freund umbringen. Was hat er nur getan, dass die Bruderschaft gleich zu solchen Maßnahmen greift? Ja, er war seltsam gewesen, bevor er sich auf den Weg nach Berlin gemacht hatte, aber sie war davon ausgegangen, dass es etwas mit dem Auftrag zu tun gehabt hatte. Er hatte mit ihr nicht darüber sprechen dürfen, weshalb sie keine Details kennt. Die Stimme am anderen Ende reißt sie wieder aus ihren Gedanken.

„Unsere Augen und Ohren haben ihn zuletzt in Berlin gesehen. Er hat eine Frau bei sich und einen Priester. Der Priester muss auch weg. Die Frau, du musst sie bannen und zu uns bringen. Aber unterschätze ihre Kräfte nicht!“

Eine Frau ist bei Gregory? Joanna spürt, wie sich alles in ihr verkrampft. Sie kennt ihn gut genug, um zu wissen, dass er viele Frauen hat und in der Vergangenheit auch kein Kostverächter gewesen war. Bei seinem Charme und diesem Aussehen auch kein Wunder. Aber das fühlt sich doch anders an. Und ausgerechnet die Frau soll sie lebend zur Bruderschaft bringen? Sie liebt Gregory. Das also ist ihre Prüfung? Wenn sie es über sich bringt ihn zu vernichten, gehört sie zum inneren Zirkel. Stark ist sie, keine Frage, aber Gregory umbringen?

„Du weißt was dir blüht, wenn du unseren Auftrag nicht ausführst? Dann bist du ebenfalls tot, genau wie er.“

Hat er etwa ihre Gedanken gelesen? „Ja, schon gut. Ich weiß, was ich zu tun habe. Ich erledige den Job.“ Der innere Zirkel ist ihr Bestreben, seitdem sie ihre Kräfte empfangen hatte. Diese Chance lässt sie sich nicht einfach so entgehen, Gregory hin oder her. „Wo muss ich hin? Wer sind meine Kontaktpersonen?“

„Keine Kontaktpersonen dieses Mal. Niemand darf wissen, was ich dir aufgetragen habe, sonst ist der innere Zirkel möglicherweise in Gefahr. Die Bruderschaft weiß nichts von meinem Handel. Du bist auf dich allein gestellt. Das Einzige, das ich noch herausgefunden habe, ist, dass Gregory sich mit den anderen Beiden auf den Weg nach Holland gemacht hat. Fang in Berlin an. Mach eine Rückführung oder sonst was, aber bring mir die Frau lebend. Kontaktiere mich nur, wenn es wirklich Probleme gibt.“

Jetzt muss sie sich von hier nach Berlin, nach Holland allein durchschlagen? Joanna betrachtet sich in einem Schaufenster. Zuerst ihren schlanken wundervollen Körper, hinauf zu ihren perfekten vollen Lippen, der niedlichen Stupsnase, den großen magischen braungrünen Augen und zum Schluss ihr perfekt geformtes Gesicht, zu einer horriblen Grimasse verzogen. Ein langer Seufzer entfährt ihr. „Was für Probleme denn?“ Prüfend dreht sie sich von einer Seite zur anderen und stellt fest, dass sie sich wohl etwas Neues zum Anziehen besorgen muss. Frauen im knappen Top und kurzen Hotpants sind hier offensichtlich nicht gern gesehen. Hinter dem Schaufenster fällt ihr ein langes geblümtes Kleid auf. Kurzerhand verschwindet sie im Laden, um das Kleid anzuprobieren.

„Wir wissen es nicht. Gregory ist seit einiger Zeit von der Bildfläche verschwunden. Nirgendwo können wir seine Magie ausmachen. Das ist … merkwürdig. Sollte es Probleme geben melde dich. Aber nur über diese Nummer.“

„Warte mal kurz…“, sagt Joanna und legt das Telefon bei Seite, zieht sich aus und lässt das Kleid über ihren nackten Körper gleiten. Es fühlt sich gut an und sitzt perfekt. Kritisch betrachtet sie sich im Spiegel, während sie das Telefon wieder an ihr Ohr presst. „Da bin ich wieder. Darf ich unterwegs wenigstens meine Kräfte anwenden?“ Sie hört sich selbst reden, während sie ausgiebig ihren wohlgeformten Busen in dem Kleid betrachtet, so wie der Mann neben ihr auch.

„Joanna“, seufzt der Mann am anderen Ende der Leitung, schweigt aber für eine Weile. „Ist genehmigt. Aber vorsichtig, übertreib es nicht wieder, so wie das letzte Mal.“

Joanna freut sich, dreht sich zu dem Mann um, der noch immer mit offenem Mund auf ihren Busen starrt und setzt ihr verführerisches Lächeln auf. Kurz darauf macht sie sich an seiner Hose zu schaffen, woraufhin er völlig perplex zu Joanna hinunterschaut. „Was soll das bedeuten, nicht so wie beim letzten Mal?“, fragt sie geschmeidig und presst ihren Körper gegen den Mann, der seine Chance ergreift.

„Keine weiteren Toten, bis auf Gregory und diesen Priester. Keine Hinrichtungen, keine Brände, keine eifersüchtigen Frauen. Ich kenne dich!“

Joanna verkneift sich ein lautes Aufstöhnen, als der Mann sie gegen die Wand der Umkleidekabine presst, schnalzt stattdessen mit der Zunge. „Also schön, dann keine Gemetzel. Aber irgendwie muss ich ja bekommen was ich brauche, um möglichst unauffällig … Oh.“

„Keine Gemetzel! Was auch immer du brauchst, besorg es dir und dann mach dich gefälligst an die Arbeit. Wir wollen Ergebnisse und zwar schnell, noch bevor der Rest des Zirkels etwas mitbekommt. Finden und töten!“

„Alles klar … finden und töten“, seufzt sie leise, lässt das Telefon zu Boden krachen und gibt sich berechnend ihren Gefühlen hin. Ihr ist völlig klar, dass sie das Kleid auch ohne zu bezahlen behalten kann, und seine Seele gleich noch dazu. Doch vorher will sie ihn genießen.

Kapitel 12

Als Joanna aus der Ladentür tritt, beobachtet sie aufmerksam ihre Umgebung und verschließt, in einem unbeobachteten Moment die Tür hinter sich. Für ihr Fortkommen ist es besser, wenn die nächsten Stunden niemand dort hinein geht und die verkohlte Leiche entdeckt. Befindet sie sich erst einmal im Flugzeug, ist es ihr egal. Sorgfältig glättet sie ihr neues Kleid, befördert die geflochtenen schwarzen Haare mit einer schwungvollen Kopfbewegung auf den Rücken, und rückt dann ihren modischen, weitkrämpigen Hut zurecht. Dann geht sie die drei Stufen hinab und in Richtung City.

Der Mann im Laden hatte alles gehabt, was sie für eine Abreise braucht. Einen Stadtplan, jede Menge Bargeld, Bekleidung und ein brandneue starke Seele, die sie ihm mit Freuden genommen hatte. Sie sammelt Seelen ja so leidenschaftlich gerne! Jede von ihnen ist eine Art Trophäe und meistens sind es Männer denen sie die Seelen klaut. Immerhin sind das in ihren Augen die einfältigsten Kreaturen. Die meisten fallen schneller auf einen perfekten Körper herein, als ein Kolibri mit den Flügeln schlägt, selbst wenn sie verheiratet sind. Diese Männer bevorzugt sie am liebsten. Was sollen die Frauen mit solchen denn auch anfangen? Früher oder später wären sie so oder so verletzt worden, und so, sind ihre Seelen wenigstens zu etwas gut – nämlich um ihr mehr Macht zu verleihen.

„So ist das, wenn der Geist schwach ist“, murmelt Joanna vor sich hin. Vorsichtshalber faltet sie den Stadtplan auseinander und orientiert sich an dem rot gekennzeichneten Startpunkt. Als sie an der nächsten Ecke hochblickt, um die Straßenschilder zu lesen, fällt ihr eine Überwachungskamera auf. Verärgert schnalzt sie mit der Zunge. „Wie hatte ich das nur vergessen können? Dabei soll ich doch keine Desaster hinterlassen.“ Mit einer wischenden Bewegung, als würde sie eine Biene verscheuchen, fährt sie mit der Hand durch die Luft. Kurz darauf, fangen die Überwachungskameras zu qualmen an. „So, das wäre erledigt.“ Konzentriert studiert sie wieder den Stadtplan.

Wie sie im Laden herausgefunden hatte, befindet sie sich gerade in Istanbul – mitten im Sommer. Irgendwo in der Nähe des Wassers und Flughafens Atatürk, was praktisch war, denn so kann sie hier schneller verschwinden. Eine Weile schlängelt sie sich in engen Straßen vorbei an Einheimischen, Touristen und vieler interessanter Seelen, für die sie leider keine Zeit hat. Bis sie endlich gegen Abend den Flughafen erreicht. Sie betritt die Eingangshalle des gigantischen Konstrukts aus Glas, Stahl und Beton und sucht nach einem Schalter an dem sie sich ein Ticket nach Berlin kaufen kann.

Dort will sie als erstes Gregorys Spuren folgen und herausfinden, was geschehen war, dass er so gehandelt hatte. Nachdem sie sich ihr Ticket 1. Klasse, für den letzten möglichen Flug nach Berlin gekauft hat, sitzt sie nun gut gelaunt im Wartebereich. Joanna studiert gerade eine deutsche Klatschzeitung als sie von immer lauter werdendem Getuschel abgelenkt wird. Neugierig schaut sie von ihrer Zeitschrift hoch und betrachtet die anderen Menschen um sich herum, die immer wieder in eine Richtung sehen und ganz erschrocken wirken.
Sie folgt den Blicken und bleibt letztendlich mit den Augen auf einem Fernseher hängen, auf dem gerade eine Nachrichtensendung läuft. Im Hintergrund des Nachrichtensprechers sieht man das Bild eines Ladens und darunter ein kleineres Bild einer verkohlten Leiche.
„Oh“, entfährt es Joanna erstaunt. „Das ging aber schnell.“ Sie will sich gerade wieder in die Zeitschrift vertiefen, als ihr Telefon klingelt. Entnervt schmeißt sie die Zeitschrift auf den freien Platz neben sich, kramt das Telefon hervor und geht ran. „Was?“

„Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass du keine Spuren hinterlässt?“

„Was? Hätte ich das Ding abbrennen sollen? Das wollt ihr ja auch nicht! So habe ich in einfach liegen lassen. Ihr kennt meine Natur, ihr wisst, wer ich bin! Das da …“, sie zeigt auf den Fernseher, obwohl ihr Gesprächspartner die Gestik nicht sehen kann, „ist unauffälliger gewesen.“

Ein Schnaufen dringt an ihr Ohr. „Es gibt aber keine verkohlten Leichen, ohne ein Feuer!“

„Das. Ist. So. Nicht. Ganz. Richtig!“ Ihre Geduld droht zu platzen. Was wollen die überhaupt von ihr? Die wissen ganz genau, dass sie stärker ist als jeder einzelne von denen im Zirkel – abgesehen von einem. Einem äußerst interessantem Wesen, dem man nachsagt, unerlaubt aus der Schattenwelt geflohen zu sein. Ein Wesen, das sie bisher noch nicht besitzen konnte. Joanna fährt sich bei dem Gedanken an ihn mit ihrer Zunge über die Lippen. Seine Seele könnte sie niemals besitzen, weil er keine mehr hat. Viel mehr würde sie seine Macht genie…

Die laute Stimme ihres Gesprächspartners reißt sie aus ihren Gedanken. „Vielleicht kannst du das nächste Mal einfach die Leiche entsorgen, verpuffen lassen oder was auch immer. Hauptsache so ein DESASTER wie in Istanbul geschieht nicht noch einmal und …“ Den Rest bekommt Joanna schon nicht mehr mit, weil sie aus Wut ihr Telefon schmelzen lässt. „Verdammt. Jetzt muss ich mir ein neues besorgen“, sagt sie leise fluchend. Energisch steht sie auf und geht zur Toilette hinüber, um sich etwas frischzumachen. Auf dem Weg dorthin fällt ihr Blick auf einen großen gutaussehenden Mann, der sie interessiert mustert und dann anlächelt.

Sie weiß, um ihre Wirkung. Sie ist die Gottesanbeterin in Menschenform, kaum ein normaler Mann kann ihr widerstehen. Joanna bringt ihm ihr schönstes Lächeln entgegen, bevor sie die Toilettentür aufstößt und darin verschwindet. Während sie sich zurechtmacht, lässt sie ihre Magie fließen und sorgt dafür, dass ihr nächstes Opfer, auf dem Flug nach Berlin direkt neben ihr sitzt.

Spät in der Nacht verlässt Joanna mit ihrem neuen Opfer den Flughafen. Sie hatte nach der Landung nur einen Anruf tätigen müssen, um zu wissen, dass Gregory sich einen Cheuffeurservice bestellt hatte und zum Hotel Adlon gefahren wurde. Schulmädchenhaft kichernd hakt sie sich bei dem Mann unter und erblickt erst danach den bestellten Wagen.

„Oh, da ist ja schon mein Fahrer“, sagt sie mehr oder weniger bestürzt und presst ihren Körper an seinen. Dann fummelt sie unschuldig mit ihrem Zeigefinger an seinem Jackett herum. „Brauchen sie vielleicht eine Mitfahrgelegenheit? Ich glaube dort ist genügend Platz.“ Es ist immer wieder dasselbe, denkt Joanna. Kein Mann kann ihr widerstehen. Ihr Opfer ringt noch mit sich, während sie ihn loslässt und bereits zum Wagen geht. Der Chauffeur steigt hastig aus dem Wagen und öffnet ihr bereitwillig die Tür. Erst als sie sitzt und noch einmal lächelnd zu dem Mann aufsieht, leuchten seine Augen auf. In diesem Moment besiegt die Lust den Verstand. Er steigt ein. „Sie wissen ja, wohin ich möchte“, sagt sie zum Fahrer, während ihre Hand sanft das Bein des Mannes berührt. Nur kurz, aber ausreichend. „Wo sollen wir sie absetzen?“

„Dort, wo sie austeigen, steige auch ich aus“, ist seine von ihr erhoffte Antwort. Das wird eine wunderbare Nacht, freut sich Joanna insgeheim.

An der Rezeption verlangt sie das beste Zimmer, etwas anderes hat Gregory mit Sicherheit auch nicht getan, wenn sie an seinen Lebensstil denkt und geht geradewegs mit dem Mann nach oben. Die Tür ist noch halb offen, als sie endlich bekommt, was sie will, sie muss nur geduldig mitspielten und warten, bevor sie ihre wahre Gestalt zeigt.

Der Mann zieht sie an sich, küsst sie auf den Mund, dann vom Hals abwärts, während seine Hände sofort unter ihr Kleid gleiten. sMit dem Fuß schiebt er die Tür zu. Es dauert nicht lange und sie spürt erneut das sehnsüchtige vibrierende Gefühl, dass sie auf die Trennung aller männlichen Seelen vorbereitet, fühlt wie der Mann seinem Höhepunkt und somit seinem Tod immer näherkommt. Was gibt es schöneres, als beim Sex zu sterben, denkt sie, und betrachtet genüsslich den Fremden, während er mit geschlossenen Augen unter ihr liegt und die Vibration seines Körpers stärker wird.

In diesem Moment verzieht sich Joannas makelloses, perfektes Gesicht zu einer grauenhaften Fratze mit spitzen Zähnen, großen Augen und hohen Wangenknochen. Ihre Haare fangen Feuer, die um sie herumlodern, die Hände werden zu Krallen, die sich in das Fleisch krallen, den Mann die letzte grausame Erkenntnis vor dem Tod schenken und sich dann um seinen Hals legen. Er zappelt, rudert mit Armen und Beinen, windet sich wie ein Aal, um dem dämonischen Wesen vielleicht doch noch entkommen zu können. Joanna legt ihren Kopf schief und fletscht voller Vorfreude mit den Zähnen, nur, um dann ihren langen Schwanz um seine Beine zu wickeln, dass er endlich still blieb. „Du hast keine Chance gegen mich“, sagt sie mit ihrer betörenden Stimme, „also wehre dich nicht, sondern überlass mir freiwillig deine Seele.“ Ihre schwarze, lange Zunge leckt seinen muskulösen Oberkörper ab, hinauf zu seinem Hals, bis ins Gesicht. Dann verweilt sie dort, seinen panischen Blick lange betrachtend, bis sie anfängt seine Seele und somit sein Leben auszusaugen.

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